Tina Müllner

Devian & Corvina - Sammelausgabe (Gesamtausgabe)
 











 

  









 


 
 

ein Roman von Marko Ackermann

Eine völlig neu überarbeitete Gesamtausgabe der beiden Teile "Devian & Corvina - Der Fluch von Anaid" und "Devian & Corvina - Feuer von Azmaeh" in Form einer Hardcover-Sammelausgabe. Die Geschichte um Devian, den Königssohn und Thronfolger zu Elt und Corvina, der schönen Waldnymphe aus den nördlichen Gefilden, wurde noch einmal von Grund auf überarbeitet und mit Illustrationen der österreichischen Künstlerin Tina Müllner versehen.


Illustrationen zum Buchprojekt

                                            

 


   Hier eine kleine Leseprobe aus "Devian & Corvina"

Seit Anbeginn der Zeit gibt es unter uns Menschen eine Hand voll Wissender derer man einen von ihnen Pernidas nannte. Ein Greis mit langen weißen Haaren, eingefallenem Gesicht und knochigen Händen. Hände die ein langes und bewegtes Leben widerspiegelten, gezeichnet mit Narben und Verletzungen der Vergangenheit. Pernidas war einst Krieger der alten Zeit, ein Überbleibsel längst vergangener Tage. Einer der am Glauben der alten Götter festhielt und dem Neuen nichts abgewinnen konnte. Und so wurde Pernidas zu einem einfachen Mann, einem Wanderer der sich am Morgenrot ebenso zu erfreuen vermochte wie an einer warmen Mahlzeit und einem Dach über dem Kopf. Sein Schwert war schon längst einem einfachen Wanderstock gewichen und immer wenn er den beschwerlichen Weg über die weiten und bewaldeten Ebenen auf sich nahm machte er an diesem kleinen Ort nahe der Lichtung an der Quelle halt. Dort wo man ihn stets freundlich aufnahm, ihm eine warme Mahlzeit gereichte und eifrig seinen Worten lauschte. Eine Schar kleiner Kinder versammelte sich um den alten greisen Mann, welcher allein schon durch sein Aussehen zu beeindrucken vermochte. Doch noch viel beeindruckender waren die Geschichten die der alte Mann zu erzählen wusste. Eine Geschichte hörten die Kinder aber immer besonders gern, nämlich die vom Sohn des Königs, der seine große Liebe fand, feindlichen Mächten trotzte und… Nun, ich möchte dem nicht vorgreifen. Lauscht und hört den Worten des alten Mannes. Die Kinder rückten am Lagerfeuer ganz nah zusammen und die Alten stopften sich gemütlich ihre Tabakpfeifen. Das leise Flüstern und Tuscheln der Kleinen verstummte, während sich der helle Schein des Feuers im Gesicht des alten Mannes widerspiegelte. Noch einmal schaute Pernidas andächtig in die Runde. Kein Laut außer dem Knistern des Feuers und dem Rauschen der Baumkronen im Wind drang mehr hinaus in die Dunkelheit als er leise zu erzählen begann:

„Nun denn, wo wir uns zu jener späten Stunde an einem beschaulichen Ort wie diesen zusammengefunden haben, möchte ich Euch eine alte Geschichte erzählen. Glaubt mir, eine sehr alte Geschichte, denn ich selbst war noch so jung wie ihr als mein Großvater mir das erste Mal davon berichtete.“
„Das muss dann aber schon fast hundert Jahre her sein“, flüsterte ein kleines Mädchen, welches sich verschreckt durch die eigenen Worte hinter ihrer älteren Schwester versteckte.
„Da hast Du gar nicht mal so unrecht“, sprach der alte Mann und bat das kleine Mädchen, es möge sich doch zu ihm setzen. Mit einer Geste des Vertrauens reichte er dem Kind die Hand auf das es zu ihm kommen sollte. Noch immer etwas ängstlich stand das Mädchen auf und setzte sich auf einen der Steine neben Pernidas, welcher einige Äste in das Feuer warf und mit seiner Geschichte fortfuhr.
„Hab keine Angst vor mir. Ich bin nur ein alter Mann mit einer noch älteren Geschichte. Die Menschen vergessen nur all zu schnell Vergangenes, ihre Helden von einst und mit ihnen auch die Geschichten vergangener Tage. Doch gerade diese Geschichten sind es die uns zeigen woher wir kommen, wer wir sind und wohin wir gehen. So auch die Geschichte von Devian, dem jungen Sohn des einstig eltischen Königs und Corvina, seiner wunderschönen Braut aus den fernen Wäldern der Nymphenreiche. Wir allein tragen ihr Erbe aus vergangenen Tagen und der Wandel der Zeit sollte sie dennoch nie gänzlich in Vergessenheit geraten lassen. Nur wenige wissen noch um das Schicksal jener Beiden, und manchmal hört man in den lauen Sommernächten noch immer an den Lagerfeuern die Geschichte, aus jener Zeit weit vor der unseren.“

Elt, ein beschauliches Fleckchen Erde weit oben im Norden, umgeben von tiefgrünen und dicht bewachsenen Laubwäldern, weit ausragender Hügelketten, klarer Seen und ertragreichen Feldern. Durchzogen von kleinen Bächen, mündend in ein tiefblaues Meer, welches die Sonne eines jeden Sommertages glitzernd widerzuspiegeln vermag. An den Ufern dieses Meeres lebt unser Volk schon seit Anbeginn der Zeit. Friedliebend und stets darauf bedacht mit unseren Nachbarn jenseits des großen Waldes in trauter Einigkeit zu leben. Und dennoch zog es unser Volk hinauf in die Kronen der Bäume, unerreichbar für wildes Getier und unliebsame Gäste. Alte Überlieferungen zeugen vom Jahr 300 des zweiten Zeitalters, eine Zeit der Kriege, Pestilenz und allerlei gerüsteten und umherziehenden Gesindels nördlich der Abariansee. Auch wenn die Zeiten friedlich geworden waren, so hatte man sich doch im Laufe der Jahrhunderte an das Leben in den Baumwipfeln gewöhnt.
Lediglich das Anwesen der Königsfamilie zu Elt befand sich erhoben und umgeben von geschützten Mauern mit schweren eisernen Toren auf der Klippe zu Eltisch Wall. Einem riesigen Felsvorsprung, erhaben thronend über den Baumhäusern und weit über die sandige Bucht hinausragend. Im Laufe der vielen Jahrhunderte entstand in den Bäumen eine richtige kleine Stadt, deren Häuser über Laufstege und Strickleitern miteinander verbunden waren. Eine immergrüne Idylle, in derer Menschen friedlich miteinander zu leben vermochten. Man ernährte sich von den Früchten der Felder, den zahlreichen Fischen in den umliegenden Bächen und der Ausbeute der Jagd.
Die Kinder spielten vergnügt in den Kronen der Bäume oder rutschten voll ungestümen Geschreis auf dafür eigens gebauten Rindenbahnen hinab zum Boden. Pferde grasten ungestört auf den weiten mit lieblichsten Gräsern bewachsenen Lichtungen, während das leise Plätschern der kleinen Bäche einem von ganz allein jegliche Ungemach vertrieb.
Selbst die Sonne glaubte man auf seiner Seite, denn nur selten trübten von Seiten des Meeres aufziehende Regenwolken das idyllische Bild. Sie vertrieb den grauen undurchsichtigen Nebel und hauchte ihr rötliches Antlitz über die Wipfel der Bäume bis es sich mit dem hauchzarten Grün des Waldes vermischte und schließlich abends hinter den dicht bewaldeten Hügelketten am Horizont verschwand. Tag für Tag für Jahr und Jahrhundert. Eine Vielzahl bunter Vögel durchzog die Luft, und das Wild des Waldes war so zahlreich, dass man es auf den unzähligen kleinen Lichtungen fast mit der Hand hätte einfangen können wenn man denn nur schnell genug wäre. Allabendlich saßen die Männer an den Lagerfeuern zusammen und philosophierten über längst vergangene Zeiten und Erfolge der letzten Jagd. Die Frauen indes vertrieben sich die Zeit mit kunstvoller Gestaltung von Gewändern und Schmuck.
Die einzelnen Familienclans verteilten sich über unzählige Lichtungen des tiefen und nahezu undurchdringlichen Waldes und blieben so dennoch nahe den zu bewirtschaftenden Feldern. Alle betätigten sich Hand in Hand. Ob auf auf den Feldern, der Jagd, beim Fischfang oder den vielen anderen alltäglich zu verrichtenden Arbeiten.
Die Vorfahren des jetzigen König Midas waren die die einst die eltischen Clans einten und das Volk zu dem machten was es heute ist. Als die Heerscharen König Anaids gegen Ende des Ersten Zeitalters über viele Jahre hinweg auf grausamste und unvorstellbarste Weise über die Ländereien Elts herfielen, trieb es die Bewohner in die nahe gelegenen Wälder. Kaum ein Hof der nicht niedergebrannt, kaum ein Stück Vieh das nicht bestialisch abgeschlachtet wurde. Selbst der kleinste Funke an Widerstand wurde im Keim gewaltsam erstickt und bedeutete nicht selten den Tod des gesamten Clans. Jenes unsägliche Schicksal zog sich wie ein dunkler Schleier über die einst so lieblichen Wälder und Felder Elts.
Doch ein Clan, angeführt von einem Stammesführer namens Devinus, Vorfahre des heutigen König Midas, lehnte sich gegen diese Tyrannei aus dem hohen Norden auf und zahlte sein Tun mit einem hohen Blutzoll. In verlustreichen Kämpfen drängten sie die Söldner Anaids bis weit in das Gebirge hinein, wo sie auf bis heute ungeklärte Weise in den tiefen Schluchten für immer verschwanden. Das dunkle Zeitalter ging vorüber und eine eine Zeit des Glücks sollte für die Menschen kommen. Heil Corvinus, Heil dem neuen König …

Die Geschichte die ich Euch erzählen möchte begann mit dem Tag, als ein fremdes Schiff im morgendlichen Nebel vor der Küste Elts auftauchte. Schwarz wie von einem dunklen Schleier umgeben, mit zerfetztem Segel und gebrochenem Ruder. Langsam und bedrohlich steuerte jenes Ungetüm auf das Ufer zu, bis es seine Fahrt schließlich im seichten Wasser mit einem lauten bersten des Rumpfes beendete. Die meisten Bewohner hatten das nahende Schauspiel beobachtet und sich bereits am Ufer versammelt. Alle schauten wie gebannt in Richtung des bedrohlich anmutenden Schiffes. Auch Devian, zweitältester Sohn König Midas, jüngerer Bruder von Udor dem Erstgeborenen, und sein bester Freund Tidor. Beide waren auf dem besten Wege zu Mann und Krieger heranzuwachsen und standen fast schon andächtig vor dem Bug des schwarzen Riesen. Kein Laut, kein Räuspern kam über die Lippen der Staunenden, während der Wind leise durch die zerfetzten Segel strich.
Selbst die Kinder, die noch vor wenigen Minuten spielend und kreischend auf den Wegen und Wiesen umhergetollt waren, klammerten sich nun ängstlich an die Rockzipfel ihrer Mütter. Einige Krieger bauten sich mit gezogenen Schwertern vor dem Schiff auf während andere es zu Pferde mit Speeren bewaffnet umkreisten. Die Menschenmenge war zurückgewichen und pure Angst machte sich breit, während die Hufe der Pferde den sandigen Boden zum beben brachten.
Doch nichts, kein Lebenszeichen. Absolute Stille, wenn man mal vom leisen Rauschen des Windes absah. Das Schiff lag nur still da, während die Wellen des seichten Wassers gleichmäßig gegen die Schiffsplanken schlugen. Ein ungutes Gefühl machte sich unter den Männern breit und es stank fürchterlich. Gerade zu nach Verwesung und Tod. Mit einem gar ohrenbetäubenden Bersten des Hauptmastes wurden die Anwesenden aus ihrer Lethargie gerissen und einige der berittenen Krieger konnten mit ihren Pferden gerade noch so das Feld räumen, ehe sich Teile des Masts in das sandige Ufer bohrten.
Nur knapp verfehlte dieser Devian, der mit Tidor gerade das gebrochene Ruder begutachten wollte. Nur ein beherzter Sprung der Beiden verhinderte Schlimmeres. Was den Männern aber auffiel, war die Ähnlichkeit des Schiffes zu den eigenen. Es war größer und mächtiger in seiner Erscheinung und sicher bei weitem nicht so schnell wie die eigenen Schiffe, aber dafür war es um ein Vielfaches besser bewaffnet. Zweifellos musste es sich um ein wormoksches Schiff handeln, auch wenn man dies auf Grund der zahlreichen Beschädigungen nur noch vermuten konnte. Seit vielen Jahren schon trieb man einen regen Handel mit den Menschen aus dem benachbarten Wormok, doch waren deren Handelsschiffe meist kleinere Schuten, die problemlos die Sandbänke an der felsigen Nordostküste umschiffen konnten ohne von Windböen getrieben an jener zu zerschellen.
Doch dieses Schiff schien geheimnisvoll. König Midas zu Elt verband eine lange Freundschaft mit dem Königshaus Finians von Wormok. Die Zeiten waren friedlich und von ehrlichem Handel gezeichnet. An ernsthaften Kriegshandlungen hatte sich in den vergangenen Jahrzehnten keines der beiden Länder mehr beteiligt. In seiner Jugend zog der junge König Midas einst mit einer Flotte von zwölf Schiffen gegen Piraten, welche in der Abariansee – dem eltischen Meer ihr Unwesen trieben. Acht Schiffe des ebenso jungen König Finians verbündeten sich mit ihnen und gemeinsam treib man die Piraten in die Mündung des Flusses Sinta wo die schweren Piratenschiffe schließlich auf Grund liefen und vernichtend geschlagen wurden. Doch das ist nun schon viele Jahre her und nur ein paar verkohlte Wracks am Flussufer zeugen noch von den Geschehnissen jener Zeit.
Und doch ließen unzählige Beschädigungen am Rumpf des Schiffes, Pfeile und Speere die noch in ihm steckten vermuten, dass die Krieger dieses einst so stolzen Schiffes in schwerste Kämpfe verwickelt worden sein mussten. Doch was um der Götter Willen war geschehen …?

Nach und nach legte sich die anfängliche Aufregung wieder und der Anführer der Reiterei befahl abzusitzen. Gemeinsam mit den anderen Kriegern begutachtete man die Schäden am Schiffswrack und kam zu der Erkenntnis, dass das Schiff in jedem Fall auseinander gebrochen und gesunken wäre, hätte es der Wind nicht an das eltische Ufer getrieben.
Doch plötzlich durchbrach ein leises Wimmern die Stille, kaum wahrnehmbar und doch laut genug um die Anwesenden in helle Aufregung zu versetzen. Zwei Krieger fassten sich ein Herz und kletterten mit eilig herbeigeholten Seilen den Rumpf empor. Udor, ältester Sohn der königlichen Familie zu Elt und Lamaneus, ein vor vielen Jahren in die eltische Gemeinschaft eingeheirateter Krieger aus der neuen Welt, verschwanden im Rumpf des beschädigten Schiffes. Minuten, die den Wartenden wie eine Ewigkeit vorkamen vergingen, ehe sich die beiden Männer wieder an den Seilen herabließen. Im Arm hielt Lamaneus einen Jungen in königlichem Gewand. Ein Junge von edler Herkunft, welcher nur ein paar unverständliche Worte stammelte ehe er das Bewusstsein verlor. Wieder trockenen Boden unter den Füßen legte Lamaneus den Jungen vorsichtig ab, während Krieger zwei Speere an einer Pferdedecke befestigten. Vorsichtig betteten Dorfbewohner den Kleinen auf die mit Stroh ausgelegte Trage.
„Bringt ihn zu meinem Vater!“ rief Udor den Dorfbewohnern zu. Udor und Lamaneus schauten sich einen kurzen Moment schweigend an und Tidor viel auf, dass der Sohn des Königs fast schon zitternd den Griff seines Schwertes umklammerte. Was aber konnte einem so gestandenen Krieger wie Udor einen solchen Schrecken eingejagt haben. Udor versuchte sich vor seinen Männern nichts anmerken zu lassen und auch Lamaneus mied den Blickkontakt zu den anderen. Udor befahl Wachen am Schiffswrack aufzustellen und folgte dann mit seinen Männern den Dorfbewohnern in Richtung der königlichen Gemäuer. Doch in Devian und Tidor war eine gar unstillbare Neugier geweckt. Und so beschlossen die Beiden sich des Nachts an den Wachen vorbei auf das Schiff zu schleichen. Man würde dem Geheimnis schon auf den Grund kommen. Dies sollte für den jungen Königssprössling nicht das letzte Mal sein, dass Neugier über Vernunft siegte.
 

© 2008 Marko Ackermann