Tina Müllner

Rouhan - Die Meisterdiebin
 











 

  









 


 
 

ein Roman von Marko Ackermann

Allein die Schatten der Nacht waren Ihr verbunden, geheime Wege führen Sie über die Dächer der schlafenden Stadt und jedem Ihrer Schritte folgte unweigerlich ein gefährliches Netz aus Verschwörung und Verrat. Doch die Feinde, die Ihr folgen auf den geheimen und verborgenen Wegen, würden einst die sein, die ihr in einer schweren Zeit beistehen sollten. Rouhan, als Kind aus den Kolonien Esthias geflohen, suchte in Scorbia Rhin nach einem glücklicheren und zufriedeneren Leben. Doch selbst hier sollte ihr ein solches nicht zuteil werden. Nachdem die Hüter sie in ihre Obhut nahmen und sie lehrten, was es hieße im Zeichen der Runen zu leben, folgte sie ihrer wahren Bestimmung ...


Illustrationen zum Buchprojekt

                                             

 


   Hier eine kleine Leseprobe aus "Rouhan - Die Meisterdiebin"

Alles begann damit, dass Rouhan unerwartet Besuch von ihrem alten Freund, dem Hehler Gharys bekam, welcher ihr bei einem guten Glas Wein einen wohl ebenso guten, wenn nicht gar lohnenden Tipp gab. Ein gewisser Lord Perry sei gestern im Laufe der Nacht recht schlecht gelaunt in der Taverne zum Goldenen Anker eingekehrt. Und mit ihm ein ziemlich ansehnlicher Samtbeutel von nicht unbedeutsamer Größe, welchen er keine Sekunde aus den Augen ließ. Mitunter vielleicht wertvoll, doch genau ließe sich das erst sagen, wenn man diesen selbst in Händen hielte.
Die Taverne zum Goldenen Anker hatte einen recht schlechten Ruf. Und das nicht nur wegen des wohl ungenießbaren Essens. Es war eine schmutzige, wenn auch durchaus gut besuchte Spelunke unten an der alten Wehrgasse. Dort, wo sich das Gesindel traf, und nur selten ehrbare Leute Einzug hielten. Doch Lord Perry war des Öfteren dort anzutreffen. Gerade jetzt, wo sein Großonkel ihm den Geldhahn abgedreht haben soll, reichte es wohl nicht mehr so recht zum Spaße in den guten Häusern der Stadt. Gharys hatte ihr den Plan des Goldenen Schlosses gleich mitgebracht. Natürlich zu den üblichen fünfzehn Prozent Beteiligung, versteht sich. Wie es halt üblich war in jenen Kreisen. Aber es sollte auch nicht allzu schwierig werden, die Zimmernummer seiner Lordschaft herauszufinden. Sie müsste nur einen Blick in das Gästebuch werfen können, alles andere würde sich dann schon von selbst finden.
Sicher, seine Lordschaft würde gut bewacht sein, aber bei weitem nicht so schwer, wie in seinem Anwesen auf Burg Morghad. Dies sollte die Sache schon um einiges erleichtern. Doch ob sich der Aufwand überhaupt lohnen würde? Sie vermochte es noch nicht so recht einzuschätzen, doch nachdem Lord Perry den samtigen Beutel scheinbar hütete wie seinen Augapfel, musste dieser einfach wertvoll sein.

„Gehst Du noch heute Nacht?“, fragte Ghary, während er Rouhan etwas seltsam anblickte. „Wann und mit welcher Ausrüstung wirst Du einsteigen? Welchen Weg wirst Du wählen?“, fügte er hinzu. Doch Rouhan zögerte mit einer Antwort, während sie noch einige Kerzen auf dem Kaminsims anzündete, und sich ihre Worte wohl überdachte. Ghary war ein Freund, doch solche Fragen waren unüblich, zwischen Dieb und Hehler ebenso wie auch unter Freunden in diesen Kreisen.
„Ich weiß noch nicht so recht, Ghary.“, entgegnete Rouhan etwas vorsichtig, und fügte hinzu: „Vielleicht gehe ich auch erst morgen oder übermorgen. Lord Perry bleibt ja meist einige Tage in der Stadt, ehe er sich wieder auf Burg Morghad zurückzieht. Ich denke, ich werde erst morgen gehen!“ Die beiden verabschiedeten sich etwas verhaltener als sonst, und Rouhan dachte noch lange Zeit über die unbedarfte Neugier ihres Freundes nach. Was steckte dahinter? Etwas stimmte nicht. Es war schon spät geworden, und Rouhan überlegte ernsthaft, ob sie nicht doch noch in dieser Nacht in die Taverne zum Goldenen Schloss einsteigen sollte. Nicht mehr lang, und die ersten warmen Strahlen der Morgendämmerung würden den Horizont erhellen und ihr Vorhaben unmöglich machen. Doch schon morgen könnten sich die Dinge bereits geändert haben. Rouhan entschloss sich also dazu, noch in jener Nacht Lord Perry zu besuchen und sich seines samtigen Beutels anzunehmen, der ohne Frage einen gewissen Wert haben musste. Viel an Ausrüstung würde Sie wohl nicht benötigen. Lediglich den Bogen und ein paar Wasserpfeile, vielleicht auch noch ihr Kurzschwert. Und nicht zu vergessen natürlich den Bund mit den Dietrichen, wichtigstes Instrument ihres Berufsstandes. Nur den Stadtwachen durfte sie keinesfalls über den Weg laufen. Denn die waren nun wirklich nicht allzu gut auf Rouhan zu sprechen. Vor allen Dingen nachdem in der vergangenen Zeit einige doch mehr oder weniger wertvolle Truheninhalte den Besitzer gewechselt hatten. Die Soldbeutel der Stadtwachen sind am Anfang des Monats stets verlockend gut gefüllt. Die hohen Herren sind nicht geizig was ihren Schutz angeht, und lassen sich diesen auch durchaus etwas kosten. Doch schon zu oft stand Rouhan im Verdacht, mit dem Verschwinden des einen oder anderen wertvollen Gutes in Verbindung zu stehen. Viele fürchteten sich gar vor ihr. Rouhan, die nicht eben gerade zimperlich mit ihren Widersachern umging, und schon so manchen Steckbrief zierte. Doch nie konnte man ihr wirklich etwas nachweisen, stets breiteten die Hüter den Mantel des Schweigens über ihr aus, und schützten Rouhan so auf ihre Weise. Rouhan kannte fast einen jeden der Wachen. Es gab wohl auch kaum einen unter ihnen, dem nicht schon einmal auf seltsame Art und Weise das eine oder andere Geldstück auf Rouhans Art verlassen hatte. Geschweige denn der Schmuckstücke ihrer Herren und Herrinnen. Die schmalen Gassen der Stadt waren feucht und dunkel, verlassen, und selbst die Öllampen am großen Ratsplatz, an welchem Rouhan unweigerlich vorbei musste, waren bereits vor Stunden erloschen. Eine Stadtwache schlummerte volltrunken auf der Bank neben dem Brunnen, während eine andere an der Biegung zur Wehrgasse entlang patrouillierte. Die Uhr oben auf dem Turm der Kathedrale hatte bereits dreimal geschlagen, als Rouhan über kleine und geheime Umwege die Taverne zum Goldenen Anker erreichte. Ein kleines Fenster an der Rückseite der Taverne, dessen Riegel schon seit Monaten gebrochen war, diente Rouhan wie so oft in letzter Zeit als Einlass. Die Vorratskammern der Taverne waren stets gut bestückt. Zu dumm vom alten Wirt den Schaden am Fenster nicht endlich beheben zu lassen, denn Rouhan versorgte sich auf diesem Wege schon seit Wochen mit Rum und allerlei Köstlichkeiten aus den Vorratskellern. Ruhig und dunkel war es auf den Fluren der Taverne. Entfernt war ein lautes Schnarchen zu hören, und der Rest einer glimmenden Fackel gab nur spärlich Licht auf die Treppe, welche nach unten in den Schankraum führte. Dort befand sich auch das besagte Gästebuch, wo sich auf Befehl der Stadtwachen jeder Gast namentlich eintragen musste. Lord Perry trug sich natürlich nie mit seinem rechten Namen dort ein. Doch stets nächtigte angeblich ein Lord Morghad in den unseligen Räumen dieser Kaschemme wenn auch er dort verweilte. Blödsinn, denn jeder in der Stadt kannte Lord Perry, den Begünstigten der Herren von Burg Morghad. Sein Großonkel hielt bisher stets schützend die Hand über ihn. Warum er ihm nun jedoch den Geldhahn abgedreht hatte? Irgendetwas musste vorgefallen sein im Hause Morghad. Man würde ja noch sehen…

Doch nun sollte Rouhan sich eilen, und schnellstens die Zimmernummer des Lords herausfinden. Unten im Gästebuch des Wirts unter dem Namen Morghad. Viel Zeit blieb ihr nicht mehr bis zum Morgengrauen. Doch gerade in jenem Moment als die Fackel am oberen Ende der Treppe vollends verlosch, und Rouhan mit einem beherzten Sprung über das Treppengeländer hinunter hinter die Theke springen wollte, öffnete sich mit einem lauten Knarren die Tür am hinteren Ende des Korridors, und der Schein des Kaminfeuers leuchtete ein Stück die oberen Etage aus. Rouhan drückte sich mit aller Macht gegen die Wand, und mit ihr verschwand auch ihr Schatten in der Dunkelheit...

(c) Marko Ackermann 2008